Wer sich für den Jazz und die improvisierte Musik der Gegenwart interessiert, kommt an Chick Corea nicht vorbei. Es wäre müßig zu entscheiden, ob er der „beste“ aller Jazzpianisten ist (wer sollte hier Richter sein), doch er ist vielleicht der vielseitigste, insofern er in allen von ihm aufgegriffenen Genres – Free Jazz, Electric Jazz, Post-Bop, klassischen Kompositionen – Gültiges zu sagen hat.

Hier angesprochen, weil im Hintergrund stets präsent, soll seine Mitgliedschaft in der Scientology-„Kirche“ sein, die schon wegen seiner Bekanntheit nicht übergangen werden darf. Er vertritt zwar diese krude faschistoide Weltanschauung nicht so offensiv wie z. B. ein Tom Cruise, bekennt sich jedoch durch die Widmungen auf Notenausgaben sowie CD- und Plattencovern zu seinem Mentor Ron Hubbard, mit dem er zeitweise in Briefwechsel stand. Auf Hubbards Aufnahme dessen „Komposition“ Battlefield Earth spielt Corea Keyboard, ein Mitmusiker am Bass ist Stanley Clark. Corea nennt Hubbard einen Renaissance-Menschen wegen dessen angeblicher vielfältiger Begabungen und einen tollen Pianisten. Nun braucht an dieser Stelle über Sinn oder Unsinn der betreffenden Sekte nicht weiter diskutiert zu werden; sie ist einfach, sofern es die Chefetage und den Mittelbau betrifft, ein Haufen geldgieriger Ganoven, flankiert von einer zum Glück mittlerweile schrumpfenden Anhängerschaft psychisch abhängig gemachter Menschen.

Chick Corea JazzpianistDie Frage die sich nicht abweisen lässt, ist letztlich die, warum Künstler wie Chick Corea, dessen Musik von musikalischer Intelligenz nur so strotzt (jedenfalls meistens), sich einer solchen Ideologie verschreiben und sie propagieren. Ist es so, dass es eine spezifisch musikalische Intelligenz gibt, die auf anderen Gebieten einfach nicht vorhanden ist oder gänzlich versagt?

Günther Anders schreibt in seinem Buch Mensch ohne Welt von einer „Schizo-Kondition, die bei Musikern, die trivial reden, aber tiefsinnig komponieren, die Regel sein mag“. Eine Entsprechung, natürlich cum grano salis, lässt sich vielleicht zum Fall Richard Wagner finden. Dessen offen antisemitische Hetze, z.B. In seinem Buch das Judentum in der Musik, ist zu einem gewissen Grad aus seiner Prägung durch das versteckt oder offen judenfeindliche Milieu des europäischen Bürgertums zu erklären; sie bleibt dennoch unerträglich. Soll man nun Wagner mit dem jüdischen Fluch belegen: „Nicht gedacht soll seiner werden“? Natürlich ist das legitim; allerdings lässt sich dann die Entwicklung der Musikgeschichte im 20. Jahrhundert nicht verstehen.

Auch ist die Frage, ob man Chick Corea aus der noch relativ kurzen Jazzgeschichte quasi verbannen soll, keineswegs trivial. Man würde eine zentrale Figur, die durchaus stilbildend wirkte und wirkt, ausblenden. Eine Frage, die jeder Musiker und Hörer für sich entscheiden muss.

Ich selbst spiele gelegentlich Stücke wie Amando’s Rhumba, Spain oder La Fiesta; das Rätsel „ Corea und Scientology“ schwebt dabei stets im Raum. Warum tut er das? Vermutlich einfach, weil Hubbards Ideologie für Leute, die sich auf seine Lehre und die entsprechenden Prozeduren eingelassen haben, die Illusion eines unerschöpflichen Energiepools vermittelt. Dabei ist sie nur ein comichafter verballhornter pseudotiefsinniger Science Fiction-Brei.

Vielleicht sollte es Corea stattdessen mit Alexandertechnik versuchen.

Mich interessiert ganz allgemein die Frage, inwieweit fragwürdige bis menschenverachtende Weltanschauungen das Oevre eines Musikers kontaminieren, oder ob dieses losgelöst davon als autonomes ästhetisches Gebilde zu bewerten ist. Es ist klar, dass problematische Charaktere großartige Werke schaffen können; die Frage ist nur, gibt es Grenzen, die ein Künstler nicht überschreiten darf, und die die Rezeption zwangsweise beeinflussen. In der Literatur fallen mir dazu auf Anhieb ein Celine und E. E. Cummings.

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