Jüngst fiel mir eine Doppel-CD auf den Plattenteller oder vielmehr in den CD- Spieler, deren Aufnahmen fast 40 Jahre auf dem Buckel haben, aber nach wie vor eine ungebrochene Frische ausstrahlen.

Oscar Peterson war am 11. November 1974 im damals noch sowjetischen Tallin zu Gast, in einem Land, in dem der Jazz ein Nischendasein fristete und dessen Publikum nach solcher Musik gierte. 

Oscar Peterson JazzpianistPeterson hat im Lauf seiner langen Karriere als Solist, Sideman und mit seinem Trio hunderte von Platten aufgenommen. Von Anfang an war sein Klavierstil sozusagen „fertig“, mit allen Ingredienzien, die seine Zuhörer in Erstaunen versetzten, von Art Tatum beeinflusste Virtuosität, die sogar ein Horowitz bewunderte, starkes Swing-Feel, Verwurzelung in der Tradition, vor allem auch im Blues. Eine eigentliche Entwicklung hat im Laufe seines Lebens kaum stattgefunden, er blieb sich treu in all dem, was er so früh konnte. Zum Jazz kam er deswegen, weil er spürte, dass es für einen schwarzen Musiker sehr schwer war, in der Klassikszene Erfolg zu haben.

Hin und wieder wurde ihm vorgeworfen, zu einer gewissen Stereotypie zu neigen und mit zu vielen Noten zu wenig zu sagen.

Falls hierin ein Körnchen Wahrheit sein sollte: bei diesen Aufnahmen trifft es nicht zu. Der Pianist muss sich auf dem Talliner Podium sehr wohl gefühlt haben. Es gibt natürlich alle Bestandteile dieses rauschhaft-virtuosen Klavierspiels, rasend schelle Läufe (Klassik-Pianisten: hinhören! So muss leggiero klingen), Blockakkorde, wahnwitzige Boogie-Bässe mit Gegenrhythmen in der Rechten.

Aber wie zwingend Oscar seine Soli strukturiert und zu immer neuen Höhepunkten führt, unterstützt oder auch sozusagen aufgefangen durch seinen Bassisten Niels Henning Ørsted Pedersen und den Schlagzeuger Jake Hanna: das ist große Kunst. Hörtipp: alles.

(P.S. und OT: um eine meiner unzähligen Bildungslücken zu schließen, habe ich begonnen, mich mit Richard Wagner zu beschäftigen. Wenn ich mich von diesem postbourgoisen Affirmationspomp erholen will: diese Doppel- CD hilft).

P.P.S: Wusste Sie schon, dass Sie mich als Pianist buchen können?